Letzte Chemo

Letzte Chemo

Es ist November. Ich bereite mich auf das abschließende CT sowie die letzte “Dröhnung” vor. Fünf Klinikaufenthalte mit Chemotherapie liegen hinter mir. Ich habe so gar keine Lust auf Krankenhaus, möchte endlich wieder mit meinem normalen Leben weitermachen und nicht immer noch krank sein.
Na gut, eine noch.

Kühlschrank Foto: Susanne Golnick

Heute ist der Sonntag vor dem Montag, an dem ich zum letzten Mal zur Chemo in die Klinik muss. Das Besondere daran ist, dass ich mir ganz folgsam aus der Radiologie vier Spritzen, die gefüllt sind mit Kontrastmittel, abgeholt habe. Den Inhalt muss ich jetzt zu vier festgelegten Zeiten zusammen mit viel Wasser trinken. Igitt, das Zeug schmeckt immer noch wie alte Lakritze, gemischt mit irgendwas Undefinierbarem. Ich bin sooo tapfer und trinke es brav um 12 Uhr, um 16 Uhr, um 20 Uhr und morgen um 7 Uhr werde ich es auch trinken. Alles zu dem Zweck, dass im CT genau sichtbar sein wird, dass – hoffentlich – alles weg ist, was zum Lymphom gehört.

Fünf Chemos liegen hinter mir; nur über eine davon habe ich hier berichtet. Für alle Interessierten fasse ich hier zusammen:

Verlauf der Chemo

Ich bin für eine “Dröhnung” immer drei Tage in der Klinik. Am ersten Tag gibt es den Antikörper Rituximab/MabThera nebst allem, was das Zeug verträglich macht (das sind dann wohl Paracetamol, Cortison & Co). Genau nach 2 Tropfen davon schlafe ich ein. Das Gemisch macht müde. Ich benötige einige Stunden, bis ich ausgeschlafen bin. So vergeht die Zeit im Kliniktrubel tatsächlich im Schlaf.

An den beiden folgenden Tagen gibt es Bendamustin, das eigentliche Zytostatikum. Der Zelltod. Die Verabreichung als Tropf geht schnell. Nach 30 Minuten ist das Zeug durchgelaufen. Diese Procedere findet am Dienstag und Mittwoch statt. Mittwoch werde ich dann auch meist vormittags aus der Klinik entlassen und freue mich auf mein Zuhause.

Nach der Chemo: endlich wieder Zuhause

Bendamustin macht mich zunächst nicht so müde wie der Antikörper. Dafür fühle ich mich in der Folge, als würde ich körperlich schwer gearbeitet haben. Ich bin fix und fertig, hundemüde, erschöpft. Dieser Zustand dauert ungefähr sieben bis zehn Tage. Das ist die Zeit, in der ich zuhause viel schlafe, wenig mache, mich langsam wieder aufrichte.

Auch ist mein Bedürfnis nach Gesellschaft in dieser Zeit sehr reduziert; ich bin dann immer froh, wenn ich meine ungestörte Ruhe habe. Einzig meine Katze darf mir dezent und wohldosiert Gesellschaft leisten.

Essen mag ich dann auch kaum. Mir ist fast die ganze Zeit ein wenig übel; der Geruch von gekochtem Essen ist sehr unangenehm. In den vergangenen Monaten mochte ich dann am liebsten kalte Speisen essen; sehr gerne Äpfel, Orangen, saure Gurken. Offenbar muss mein interner Säurespeicher dann dringend aufgefüllt werden.

Kaffee mag ich in dieser Zeit überhaupt nicht, aber der Meldorfer Teeladen meines Vertrauens verkauft zum Glück einen sehr leckeren Datteltee, den ich dann kannenweise trinke.

Auch ist mein Appetit auf rotes Fleisch dann sehr ausgeprägt. Normalerweise esse ich wenig Tier, aber nach der Chemo treibt es mich regelmäßig zur Fleischtheke. Da ich mich normalerweise gesund ernähre, aber daraus kein Dogma mache, ist das kein Problem; ich muss nur manchmal über meinen Appetit auf Steaks den Kopf schütteln. Nach einiger Zeit normalisiert sich der Appetit wieder und ich kehre zur gewohnten Kost zurück.

Nebenwirkungen der Chemo

Neben der eben erwähnten Schlappheit und Übelkeit habe ich teilweise andere Nebenwirkungen als während meiner ersten Chemo vor 8 Jahren.

  • Weniger “Cortison-Birne”: In den Tagen nach der Behandlung habe ich keinen roten, aufgedunsenen Kopf. Sehr angenehm. Ich erinnere mich daran, dass ich während der ersten Chemo im Jahr 2010 immer einige Tage nach der Behandlung aussah wie ein roter Luftballon, der bald zu platzen drohte. Das Gesicht brannte und die Haut spannte. Nichts davon habe ich in dieser Behandlung! Sehr gut.
    Offenbar habe ich entweder a) weniger Cortison bekommen oder b) setzt es mir einfach nicht mehr so sehr zu. Oder c) die anderen Nebenwirkungen sind auf Cortison zurückzuführen. Es ist einfach nicht zuzuordnen.
  • Müdigkeit: sie zieht sich durch die ganze Zeit der Therapie. Nach nur kurzer körperlicher Anstrengung bin ich erst einmal erschöpft. Große Hausarbeiten erledige ich in kleinen Schritten, verteilt auf mehrere Tage. Fast täglich schlafe ich nachmittags ein, zwei Stunden. Die schnelle Erschöpfung lässt auch vier Wochen nach der Behandlung nicht besonders nach.
  • Juckender Ausschlag: An den Armen, Beinen und im Gesicht habe ich seit der vierten Chemo Dinger, die aussehen wie dicke Mückenstiche. Außerdem kleine rote Erhebungen, die mit einem Sekret gefüllt sind. Beide jucken wie verrückt. Die Haut beginnt gelegentlich zu brennen und es fühlt sich an, als würden Tausende kleine Nadeln sich von innen nach außen durchpieken. Die Haut ist sehr wärme-empfindlich. Dagegen hilft ein Antiallergikum. Eine Biopsie beim Hautarzt wurde gemacht; das Ergebnis steht noch aus.
  • Gelenkschmerzen: die Handgelenke (und neuerdings auch die Fußgelenke) schwellen etwas an und schmerzen. Am schlimmsten ist es morgens; im Laufe des Tages lässt es etwas nach. Wenn es schlimm wird, nehme ich Schmerzmittel.
  • Hitzewallungen: gelegentlich fühle ich mich wieder wie in den Wechseljahren. Kommt nur gelegentlich vor.
  • Kälteempfindlichkeit: normalerweise komme ich mit Temperaturen gut zurecht; nach der Chemo allerdings fröstel ich leicht. Habe mir eine zweite Wärmflasche zugelegt, da die Katze nicht immer auf Abruf bereit ist, hier auszuhelfen…

Abgesehen von den oben geschilderten Nebenwirkungen vertrage ich die Therapie recht gut. Was klingen mag wie Sarkasmus ist in Wirklichkeit eine Einstellungssache. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich um eine schwere Erkrankung handelt, die mit ebenso schweren “Geschützen” bekämpft wird, sind die  oben geschilderten Nebenwirkungen gut zu ertragen.