Wait & Watch und Löffelkiste

Wait & Watch und Löffelkiste

Ich habe schon immer sehr viel Respekt vor denjenigen Mitgliedern meiner Lymphom-Selbsthilfegruppe gehabt, die im Wait&Watch-Stadium sind und das aushalten. Das ist diejenige Phase einer Lymphom- beziehungsweise Leukämie-Erkrankung, in der (noch) keine Behandlung stattfindet, weil die Ausprägung der Krankheit keine Beschwerden verursacht. Erst wenn einzelne vergrößerte Lymphknoten Probleme verursachen, beginnt die Behandlung. Die Probleme können darin bestehen, dass ein Lymphknoten durch sein Wachstum anfängt, auf Nerven zu drücken, Gefäße einzuengen oder Organe zu behindern. Dann  – und nicht früher – beginnt die Therapie.

Ich bin hingegen eher der Typ „ran&durch“. In freier Wildbahn, also wenn mich niemand bremst, bin ich dafür, Probleme durch Entschlussfreude und Tatkraft zu lösen. Geduldiges Abwarten ist nicht so mein Ding.

Das führt mich zu der Frage nach Geduld, abwarten und schließlich: Lebensqualität. Ist das meine oberste Priorität? Vielleicht sollte ich meine Einstellung ab und zu überprüfen. Was mache ich, weil ich es möchte und was, weil ich es muss? Muss ich  denn wirklich? Welche anderen Möglichkeiten habe ich? Was würde ich gerne tun und tue es doch nicht? Warum, was hindert mich?

Das Konzept Löffelkiste

Ich denke an die „Löffelkiste“. Das ist ein Konzept, das wie folgt funktioniert: Man überlegt sich, welche Dinge man gerne tun/können/erleben möchte, bevor man ‚den Löffel abgibt‘. Dazu gehört vielleicht, dass man gerne einmal auf einem Pferd den endlosen Strand von St Peter Ording entlangreiten möchte. Ob man tatsächlich reiten kann, ist dabei zunächst zweitrangig; das gehört zum zweiten Schritt, der da lautet: Und jetzt überlegen wir, wie wir das anstellen! Denn der Clou ist, diese Wünsche tatsächlich umzusetzen.

Die Idee hinter diesem Konzept ist, dass das Leben für jeden Menschen endlich ist. Irgendwann ist Schluss. Gleichzeitig schieben wir viele Dinge auf, weil wir dafür angeblich keine Zeit, kein Geld oder keine Energie haben. Wie blöd, wenn man dann immer nur getan hat, was (angeblich) getan werden muss. Jeder Mensch sollte regelmäßig auch mal tun, was er oder sie einfach gerne machen will. Das gehört einfach zur Lebensqualität.

Zuerst Tango oder Dänisch lernen?

Zurück zur Löffelkiste: Also schreibt man seine Wünsche auf kleine Zettel und verfrachtet diese in eine Kiste. Ab und zu holt man eine Notiz heraus und setzt den Wunsch dann tatsächlich um. Das können „ungewöhnliche“ Erlebnisse sein wie: Ich möchte einmal ein frisch geborenes Kälbchen streicheln (also: Rinderbauern suchen, fragen, hinfahren, Kälbchen streicheln, freuen) oder Fertigkeiten, die man lernen kann und dann vielleicht in einem Wochenend-Workshop wenigstens einmal ausprobiert (Tango tanzen, Dänisch lernen, Jonglieren, Klavierspielen).

Wer weiß, vielleicht ändert das mein Leben, weil es in Wirklichkeit noch viel toller ist als in meiner Fantasie und ich es weiterhin lernen will – oder es ist ganz doof und ich bin froh, dass ich nicht gleich einen Steinway-Flügel gekauft habe. Wie auch immer, das Konzept ist doch sehr charmant. Wichtig ist vor allem, nicht zu vergessen, warum wir gerne leben.

In diesem Sinne: Ein frohes neues Jahr und vergesst Eure Träume nicht.

Feuerwerkt Foto:Susanne Golnick