Die Suche nach dem roten Faden

Die Suche nach dem roten Faden

Wie eine Psychotherapeutin mit ihrer eigenen Lymphomdiagnose umgeht.

Ein Gastbeitrag von F. Salewski

Nach Erhalt der Diagnose „Krebs“ begann eine rasende Fahrt: weitere Untersuchungen, z.B. welche Organe sind evtl. noch betroffen? Wie weit ist die Krankheit bereits fortgeschritten? Ich bekam ein Ticket für den „Lauf“ durch die verschiedenen Berufsgruppen: Radiologie, Onkologie, Hausarzt, Labormedizin, nach Verdacht auf Organbefall auch Gynäkologie und Gastroenterologie. Einerseits fühlte es sich an, als würde ich sanft weitergereicht und sei sicher in den Händen der Zuständigen, die jetzt genau wissen, welcher Schritt der nächste ist.

Andererseits fühlte es sich an, als puste der Wind mich wie ein Blatt durch die Herbstlandschaft; die Ereignisse überschlugen sich und die Ergebnisse erschlugen mich. Der Zustand war ambivalent: sich sicher fühlen aufgrund der festen Strukturen, festgelegten Standards die ich durchlief, auf der anderen Seite war kein Platz für innehalten, nachdenken, Infragestellen.

„jetzt bin ich eine von denen“

Eigentlich fühlte ich mich hier im Klinikalltag einmal zuhause. Über 20 Jahre arbeitete ich als Krankenschwester in verschiedenen Abteilungen diverser Krankenhäuser, alles war so vertraut – nur stand ich dieses Mal auf der „anderen“ Seite, ich war Patient. Als ich zur ersten Chemotherapie zum Behandlungsplatz geführt wurde, weiß ich noch, wie mir mit einem riesigen Kloß im Hals durch den Kopf ging: „jetzt bin ich eine von denen“.

Wie muss es erst den anderen Patienten gehen, die nicht so gut aufgefangen werden wie ich einst? Mir waren die Strukturen der verschiedenen Abteilungen vertraut, ich wusste im Großen und Ganzen, was auf mich zukam, ich traf hin und wieder auf mir bekannte, mitfühlende Mitarbeiter und mein behandelnder Onkologe hatte für mich den genau richtigen Ton getroffen um mich durch die Therapie zu begleiten. Mein soziales Netz hat mich sehr gut getragen.

Ich lief dieselbe Strecke der verschiedenen Stationen wie tausende Patienten vor mir und auch nach mir: die Angst vor den nächsten Wochen, wie wird es mit der Arbeit, wieviel Selbständigkeit bleibt mir während der Therapie, schlägt die Chemo an, wie verändern sich meine Beziehungen während dieser Zeit, was wird aus mir werden?

Trotz allem fehlte etwas

Ich vertrug die Chemo recht gut, konnte weiter arbeiten und meine Kontakte pflegen. Fachlektüren und auch der Austausch innerhalb meiner Selbsthilfegruppe lieferten mir Informationen über meine Krebserkrankung. Biografien von Krebskranken bereicherten mich mit anderen Lebenskonzepten, Freunde und Familie gaben mir das Gefühl, aufgehoben zu sein, und doch merkte ich, dass mir etwas fehlt.

Als Heilpraktikerin für Psychotherapie war mir natürlich von Anfang an durchaus bewusst, dass ich mich um meine seelische Gesundheit zu kümmern habe. So ganz allgemein war ich auch zufrieden mit dem Umgang mit mir selbst.

Die Krankheit hatte mich verändert, aber ich wusste einfach nicht, was denn so anders war. Ich las viel über den Umgang mit der Krankheit, beschäftigte mich mit Bewältigungsstrategien oder folgte den Empfehlungen diverser Ratgeber: Bewegung, Ernährung, Freunde treffen, Yoga… Alles das hat sich als sehr wirksam erwiesen – aber irgendetwas war noch nicht an seinen Platz gefallen, fehlte noch.

Jetzt – im Nachhinein – erkenne ich den roten Faden, und ich bin froh, die Suche nach dem fehlenden Teil zu meiner Genesung intensiv weiterverfolgt zu haben. In meinem Fall handelte es sich um innere Ziele und eine neue Ordnung von ‚wichtig‘ und ‚unwichtig‘. Dafür bin ich der Hypnotherapie als Methode, meinen Kollegen als Unterstützung und mir selbst als unermüdlicher Verfolger des „roten Fadens“ dankbar.