Hammer Foto: Susanne Golnick

Infektanfälligkeit – das scheinbar ewige Thema

Ich dachte, nach der Chemo ist das Thema langsam mal “gegessen”.  Erst sagte man mir, nach der Chemo ließe meine Infektanfälligkeit langsam nach. Dann hieß es, es dauere noch einige Zeit. Später wurde mir gesagt, ungefähr ein Jahr nach der  Anschlusstherapie (also zwei Jahre nach Ende der Chemo) sei meine Anfälligkeit für Infekte und Viren nicht mehr so ausgeprägt.

Das Ende der Anschlusstherapie ist nächsten Monat ein Jahr her und was soll ich sagen – es ist bei Weitem nicht vorbei. Noch  immer ist mein Immunstatus miserabel. Mein Bestand an B-Lymphozyten ist im Keller.  Die Blutwerte sind “grenzwertig”: man könnte behandeln, muss aber noch nicht zwangsläufig.

Einerseits ist das gut, denn meine Krankheit bsteht darin, dass ich viel zu viele dieser Zellen habe.  Je weniger von diesen Dingern in meinem Blut umher schwimmen, desto weniger bin ich in Gefahr, dass sich überschüssige Zellen im Lymphsystem einlagern und Probleme machen.

Andererseits – und das ist mehr als unbequem – muss ich immer noch genau aufpassen, wem ich die Hand gebe, wen ich besuche, wohin ich gehe, wie viele Menschen dort sind, denn die Gefahr von Ansteckung ist groß. Scheinbar harmlose, auch als “auskuriert” geltende Infekte können mich immer noch treffen. Das gilt natürlich ganz besonders für diese Jahreszeit, in der sich Erkältungskrankheiten und Grippe-Infektionen vermehrt ausbreiten.

Kiovig

Während meines letzten Kontrolltermins bei meiner Onkologin stellte sie mir für den Fall, dass mich eine Lungenentzündung oder eine meldepflichtige Infektion (!) erwischen sollte, in Aussicht, mir wieder das Immunglobulin “Kiovig” zu verabreichen.  Aufgrund meiner Erfahrungen damit (siehe Beitrag Kiovig weg ) möchte ich das möglichst vermeiden. Das bedeutet nämlich wieder: monatliche Infusionen mit anschließender Abgeschlagenheit und anderen Nebenwirkungen. Und es gibt nicht einmal eine Garantie für das Ausbleiben von Infekten.

Avalox

Ich habe vor Monaten eine Freundin im Krankenhaus besucht. Anschließend hatte ich einen Keim, den ich nacheinander mit drei Antibiotika bekämpft habe. Das letzte Medikament war Avalox 400, das so starke Nebenwirkungen hat, dass es in manchen Ländern verboten ist. In der Arztpraxis war es schon gar nicht als verschreibungsfähiges Medikament im Computer aufgeführt. Die Mitarbeiterin in der Praxis hatte große Mühe, das Rezept überhaupt mit dem PC  auszudrucken.

Avalox

Avalox enthält den Wirkstoff Moxifloxacin. Dieser hemmt ein Enzym der Bakterien, das für ihre Vermehrung notwendig ist und führt dadurch zum Absterben der Krankheitserreger. Moxifloxacin wird nur angewendet, wenn die üblichen Antibiotika nicht angewendet werden können oder versagt haben. Der Katalog der Nebenwirkungen, die “gelegentlich” eintreten können, ist beängstigend.

Gelegentlich heißt hier:  die Nebenwirkung tritt in mehr als  1 Fall von 100 auf, in weniger als 1 Fall von 1.000. Ich selber hatte Herzrasen, Panikattacken – obwohl ich mich als psychisch ausgeglichen bezeichnen würde – einen trockenen Mund, Schluckbeschwerden, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Tinnitus, Kopfweh und Sehnenschmerzen im rechten Arm. Alle diese Symptome finde ich im langen Beipackzettel für Avalox wieder.

So langsam…

Eine Kollegin meinte schon vor einigen Monaten: “So langsam muss das ja mal vorbei sein”. Ist es leider nicht.  Aber das zeigt mir, dass in meinem Umfeld  die Geduld mit dem scheinbar ewigen Thema arg strapaziert ist.

Leben mit dem Lymphom bedeutet für mich, auch mit einer bestimmten Portion Vorsicht und Misstrauen zu leben. Es gibt genug Menschen, denen ich wieder und wieder erklären muss, dass Infektionen für mich eine Gefahr darstellen, dass ich mich leicht anstecke und dass “die kleine Erkältung, die nicht der Rede wert ist”  und die “Grippe, die aber schon seit zwei Tagen vorbei ist” für mich eben Grund genug sind, Abstand zu halten. Den Zusatz “Nimm das bitte nicht persönlich” spare ich mir inzwischen.

Summa summarum sind meine Krankheit und die Folgen der Therapie auch im vierten Jahr nach der Diagnose immer noch ein Thema, das Aufmerksamkeit und bestimmte Maßnahmen erforderlich macht. Mit einer wohldosierten Portion trotziger Ignoranz lässt sich damit gut leben.