Loslassen

Loslassen

Eine Frage der Balance

Im Juni 2010 schrieb ich:

Wirklich fertig?
Ich weiß noch nicht, wie viel die Chemo genau bewirkt hat. Ich weiß zwar, dass ich mich jetzt besser fühle als letztes Jahr und spüre, dass sich etwas verändert hat. Ich kann mich aber erst so richtig freuen, wenn die Ergebnisse der Nachuntersuchung vorliegen. Vorsichtshalber hat mich meine Ärztin schon mal gewarnt, dass eine Remission in meinem Fall nicht bedeuten würde, dass ich das Lymphom endgültig los sei. Mit der vorgeschlagenen Erhaltungstherapie könne es allerdings sein, dass ich viele Jahre symptomfrei leben könne.
Diese Aussicht finde ich bei einer unheilbaren Krankheit gar nicht so schlecht. In ungefähr zwei Wochen soll die Nachuntersuchung sein und dann weiß ich, ob ich sozusagen so richtig ‘loslassen’ kann. Jetzt, wo ich das schreibe, fällt mir auf, dass dieser Punkt mit dem ‘Loslassen’ noch weitere Gedanken wert ist. Dann allerdings in einem eigenen Beitrag.

Für mich ist die Chemo schon Geschichte. Das Ergebnis: Volle Remission, nix mehr da, kein Lymphom zu sehen.

Jetzt, im Februar 2012 bin ich mitten in der Erhaltungstherapie mit Rituximab, Handelsname MabThera (C) (R) (usw). Seit September 2010 bekomme ich in immer größer werdenden Abständen die Infusionen: letztes Jahr acht, dieses Jahr insgesamt vier, nächstes Jahr dann nur noch zwei und das war’s dann erst einmal. Also dauert  bei mir die Therapie inklusive Erhaltung von Januar 2010 bis Mitte 2013. Das sind dreieinhalb Jahre! Manchmal denke ich, die Ärzte machen das so lange, damit der Geist dem Körper folgen kann; so fix geht das mit dem Verarbeiten der Diagnose nämlich nicht. Jedenfalls gilt das für mich.

Ich musste mich an den Gedanken gewöhnen, krank zu sein. Mir erlauben, schwach sein zu dürfen. Weniger zu leisten. Körperlich schneller erschöpft sein zu dürfen. Sagen zu können: “ich brauche jetzt eine Pause”. Gut, das konnte ich irgendwann. Dann kam eine Zeit, in der ich davon genug hatte.

I’m sick and tired of being sick and tired

“Ich hab es satt, krank zu sein” (klingt hübscher auf englisch). Mein Körper zeigt mir immer wieder Grenzen der Belastbarkeit auf. Jedoch außer krank zu sein, gibt es in meinem Leben so viel mehr: Ich bin Frau, Kollegin, Wechseljahrgeplagte, Nordic Walkerin, Musikfan, Konzertorganisatorin, Lesbe, Rechtsanwaltsfachangestellte, Bloggerin, Frühaufsteherin, außerdem Schwester, Tante, Nichte, Cousine, Freundin, Nachbarin, Katzenmutter, Amateurfotografin, ferner Gebührenprofi, Dorfbewohnerin, Reisende, Köchin und neben alldem auch die an einem Follikulären Lymphom Erkrankte. Mein Lebensgefühl besteht aus so viel mehr als nur der Erkrankung. Immer wenn ich mir das klar mache, schrumpft die Krankheit auf ein Maß, mit dem ich besser zurechtkomme. Sie ist nur eine Eigenschaft unter vielen.

Sicher, Vieles hängt mit Gesundheit zusammen, aber – drastisch gesagt – ich lass mir doch von ein paar durchgeknallten Zentroblasten *) nicht mein Leben vermiesen! Einige meiner Lymphozyten haben eine Art Zelltod-Alzheimer: Sie „vergessen“, nach einer bestimmten Zeit abzusterben. Na gut, darum muss ich mich eben kümmern. Aber der ganze Rest meines Lebens ist ja schließlich auch noch da.

Seit ich mir klargemacht habe, dass eine Balance gerade für den Aspekt ‚Gesundheit/Krankheit’ wichtig ist, hat mein Leben deutlich an Qualität gewonnen. Das klingt nach einer sehr simplen Feststellung, auf die man sehr leicht durch bloßes Nachdenken kommen kann. Den Unterschied macht die Tatsache aus, dass es bei mir irgendwann “Klick” gemacht hat; es gab eine Art gefühlter Erkenntnis. Die ist viel tiefgreifender als die bloße theoretische Überlegung. Es ist eben alles eine Frage der Balance. Amen.

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*) Definition: Ein Zentroblast ist ein unreifer B-Lymphozyt mit großem Zellkern. Zentroblasten kommen in den Keimzentren der Lymphfollikel vor. Sie stellen eine Vorstufe der B-Lymphozyten dar. Wenn sie sich nicht programmgemäß verhalten, spricht man vom Follikulären Lymphom. Je mehr Zentroblasten betroffen sind, desto aggressiver beziehungsweise schwerwiegender ist das Lymphom.

Eine weitere Erklärung von Zentroblasten gibt es auf der Internetseite nhlinfo.de.

One thought on “Loslassen

  • 12. Februar 2012 at 21:27
    Permalink

    “Congratulations!” Super Eintrag !!!

    Einstellungen, die wir haben koennen wir beeinflussen und deren Richtung entscheiden. Ich freue mich sehr, dass die Putzerfische so stark sind: JA zum selbst achten, selbst-lieben sagen und somit “putzmunter” sind

    …. auch wenn es gelegentlich heisst, Dingen langsam aber bestaending nachzugehen und sich bei guter Laune zu halten ……

    Positiv denken, sich selbst annehmen und suchen, was kann ich, was will ich ist lebensnotwendig. “Life wants to go on, it is our desire “

    So ist Sie wieder ein Fisch im Wasser …Gratuliere

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