Reha in Bad Homburg

Reha in Bad Homburg

Nach einem halben Jahr Arbeiten in Vollzeit und ein Jahr nach Beendigung der Chemo steht mir eine Rehabilitation zu. Die wird auch anstandslos von der Deutschen Rentenversicherung bewilligt. Die Reha kommt wie gerufen. Fühle mich wirklich reif für eine Auszeit. Der letzte Arbeitstag vor Antritt der Maßnahme ist fürchterlich vertrackt und doppelt stressig; ich fahre daher am Samstag noch mal ins Büro, um einige Sachen ungestört erledigen zu können. Dann geht’s wieder für drei Wochen in den Taunus, diesmal nach Bad Homburg.

Die Kliniken gleichen sich sehr. Irgendwie kommen die beiden Reha-Kliniken über Jugendherbergs-Charme nicht hinaus. Scheinbar haben die hier auch denselben Koch wie in Bad Nauheim, wo ich letztes Jahr zur Anschluss-Heilbehandlung (AHB) war.

Im Unterschied zu dort handelt es sich nicht um eine rein onkologische Klinik, sondern hier gibt es noch eine psychosomatische Abteilung. Die Rehabilitanden sind also „gemischter“. Ich persönlich finde das angenehm, weil man durch den Kontakt auch mal über den eigenen Tellerrand schauen kann und was anderes hört als Berichte über OPs, Chemo, Bestrahlung, Knochenmark-Transplantation, Stoma und das ganze Krebsthema. Als Reha-Erfahrene weiß ich schon so ungefähr, was mich erwartet.

Die Angebote und Regeln der Kliniken unterscheiden sich nur wenig. Ich lerne endlich richtig Nordic Walking (danke!) und bekomme die Stöcke auch über das Wochenende ausgeliehen. Ich darf in die „Mukkibude“, aber leider, leider nicht ins Schwimmbad wegen meines instabilen Immunsystems. Qi Gong und autogenes Training sind mir neu, dafür kannte ich aus der AHB schon progressive Muskelentspannung nach Jacobson.

In der Ergotherapie-Abteilung will ich mir wegen meiner Konzentrationsstörungen helfen lassen. Ich beschreibe in einem Einzelgespräch meine Arbeitssituation mit mehreren Kolleginnen samt Telefonen, Fax, Drucker und dem ganzen Lärm in einem Raum. Ich erhoffe mir Tipps, Hinweise, irgendwie den Stein der Weisen. Nachdem ein Test in entspannter Atmosphäre in dem völlig stillen Raum ergibt, dass ich mich in dieser Umgebung recht gut konzentrieren kann, will mir die frisch-von-der-Schule-Therapeutin was von Lerntechniken erzählen. Ich frage mich: wozu? Erstens kenne ich die schon, zweitens ist das nicht mein Problem. Ich kann ihr mein Anliegen nicht wirklich nahebringen. Und meine turbulente Arbeitswelt – die ja keineswegs außergewöhnlich ist – kann sie sich in ihrem schönen kleinen Arbeitszimmer nicht vorstellen. Ich fühle mich veräppelt. Nachdem ich tapfer zur von ihr angeleiteten kleinen Gruppe gehe und absolut nichts Neues höre, spare ich mir den Rest der Veranstaltung.

Mitten in der Reha habe ich einen ausgewachsenen Hexenschuss und kann mich kaum rühren. Da zeigt sich der Vorteil einer Einrichtung, in der alles unter einem Dach ist. Innerhalb von einer Stunde nachdem ich bei der Ärztin war, erhalte ich noch eine härtere Matratze. In einem Haus mit 800 Betten finde ich das eine enorme organisatorische Leistung! Ich bekomme noch einen Zehnerpack Tabletten (wovon ich nur eine einzige nehme), Einzelmassage, und dann bewirkt die krankengymnastische Abteilung ein echtes Wunder. Mit den richtigen Übungen entspannt sich mein Rücken im Rekord-Tempo. Nachdem ich neben all diesen Maßnahmen auch den ganzen Tag lang den Rücken warm halte, bin ich abends schon wieder OK und am folgenden Tag fühle ich mich wie neu.

Das weitere Angebot ist wie schon gehabt: Ergometertraining, verschiedene Gymnastikgruppen, Massagen, Vorträge, Entspannungsübungen, Untersuchungen, Visiten. Langeweile am Anfang. Dann knüpfe ich nach und nach Kontakte und staune auch hier wieder über die Kraft und den Mut, den Menschen offenbar aufbringen, wenn eine schwere Krankheit sie dazu zwingt. Es gibt viel Lachen, Gespräche, am Wochenende auch mal einen Ausflug in die Umgebung, Konzertbesuch, freitags mit Monique essen gehen (frischer Salat!!!!). Ich lerne wieder bezaubernde Menschen kennen, höre gern und viel Schwäbisch. Tausend Dank an dieser Stelle an die Mit-Rehas Karin, Monique, Inge, Werner und all die anderen, die den Aufenthalt wesentlich positiv geprägt haben.

Die Lebensfreude – vor allem in der Onko-Abteilung – ist teilweise zum Greifen, die Reflexion über Krankheit und Lebensqualität beeindruckend. Vielleicht liegt dieser Eindruck auch daran, dass ich mich mit den entsprechenden Leuten umgebe. In dieser Atmosphäre fasse ich wieder mehr Selbstvertrauen und merke auch erst in diesem Zusammenhang, wie es in den vergangenen zehn Monaten gelitten hat. Klar, wenn die Arbeit sich so anstrengend anfühlt und wenn ich damit selber nicht so zufrieden bin, wie ich es einmal war, wenn mir der Spaß abhanden kommt, dann leidet auch das Selbstwertgefühl. Mehr als eine sagt zu mir: „DU arbeitest seit zwanzig Jahren beim Anwalt? Das hätte ich nie gedacht. Du bist doch so lebendig und kreativ!“ Diese Dame hatte mich beim wilden Austoben mit Farben in der offenen Kunsttherapie gesehen.