AHB heißt Anschlussheilbehandlung

AHB heißt Anschlussheilbehandlung

.. oder auch Kur

Seit meinem letzten Beitrag ist viel Zeit vergangen. Ich habe von Anfang Juli bis Mitte August 2010 eine Kur in Bad Nauheim durchlaufen. Das Essen war oft genug öde bis grausam, die medizinische und sonstige Betreuung aber ausgezeichnet. Außerdem habe ich dort jede Menge beeindruckend starker Frauen*) getroffen – Männer auch, aber irgendwie wurden die fast nie an unserem Tisch platziert. Die gestandenen Frauen aus meiner “Bezugsgruppe” (eigentlich saßen wir bloß an einem Tisch, aber wir verstanden uns einfach super) haben mit einer Mischung aus Gesprächen, Ablenkung, Auseinandersetzung und Herumalbern eine Menge Gutes bewirkt und meine Lebensgeister wieder geweckt.

Perücken und CEO

Beeindruckend war es auch, zu sehen, wie sehr ein paar Wochen Kur in der richtigen Gesellschaft Veränderungen bewirken. Renate legte ihre „post Chemo“ Perücke ab und damit auch ihre Unsicherheit und Selbstzweifel. Ich konnte direkt zusehen, wie sie an Zuversicht und Lebensfreude gewann. Zum Vorschein kam eine sehr gewitzte, humorvolle und handfeste Frau, die nach wenigen Wochen um zehn Jahre verjüngt schien. Bea sprudelte über vor Geschichten über sich selbst und forderte erst viel Aufmerksamkeit ein; später nahm sie zusehends Anteil am Schicksal der anderen, tröstete mit kleinen Gesten und teilte ihre konstruktiven Ideen feinfühlig mit. Sie lernte eine Portion Selbstbehauptung und sah viel mehr als wir anderen die kleinen Wunder am Wegesrand. Die rheinland-pfälzische Bäuerin – eigentlich eher eine landwirtschaftliche CEO – bestach ebenfalls durch ihren Humor und obendrein durch jede Menge Power. Und Aufmerksamkeit gegenüber anderen. Sie könnte locker Managerkurse zum Thema Achtsamkeit und Arbeitsorganisation geben. So viele Talente!

Ich will hier nicht die Geschichten der anderen Kurteilnehmerinnen wiedergeben, aber ich habe spätestens in Bad Nauheim begriffen, wie viel Glück ich im Zusammenhang mit meiner Krankheit bislang hatte. Die anderen hatten aufgrund ihrer unterschiedlichen Krebserkrankungen zum Teil erheblich gavierendere Folgen zu bewältigen. Sie taten dies ohne Jammern und sehr mutig, wofür ich sie bewundere.

„Meine Kur-Mädels” hatten mindestens so viel Anteil an meiner Erholung wie das ganze Pensum aus Walken, Ergometertraining, Malen, Hockergymnastik, Lymphomgruppe, Entspannungsübungen, Gesprächen und Vorträgen.

Bergab – bergauf

Ich hatte einen absoluten Durchhänger während der ersten drei Wochen, hätte ständig heulen können und entspannte mich anfangs nur mühsam. Nach insgesamt fünf Wochen war ich dann aber doch fitter als bei Antritt der “AHB” . War ich zu Beginn der Kur körperlich noch angeschlagen, wechselte ich nach kurzer Zeit in die schnellere Laufgruppe, steigerte mein Durchhaltevermögen am Ergometer und mein Schlafpensum reduzierte sich fast wieder auf mein normales Maß.

Mich mal um nichts kümmern zu müssen gab mir Raum, mich auf mich selbst zu konzentrieren. Andererseits war ich eben auch auf mich zurückgeworfen. Da ich “nebenbei” auch noch an einer Trennung herumlaborierte, hatte ich quasi an zwei Enden zu stricken. Das wiederum war zwar eine ganze Menge auf einmal, am Ende jedoch wieder der richtige Zeitpunkt, weil ich eben Zeit und jede denkbare Unterstützung hatte. Bei Bedarf konnte ich professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, was ich dankbar annahm. Informationen und Beratung zum Thema “wie weiter” rundeten das Angebot ab. Ich beschloss einen allmählichen Wiedereinstieg in das Berufsleben ab Oktober 2010.

*) Ich winke hiermit zu: Renate, Rosica, Waltraut, Margret, Maria, Rosemarie, Uschi, Beate, ganz besonders auch Jamshid, sowie natürlich Anne, Cornelia, Bärbel und allen anderen wahren Supertalenten!

2 thoughts on “AHB heißt Anschlussheilbehandlung

  • 25. Februar 2011 at 00:58
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    Danke für Deinen Kommentar. Endlich traut sich mal jemand! Und: Dein Blog ist echt beeindruckend. Hat mich übrigens dazu inspiriert, gleich mal ein paar Katzenbilder einzustellen.
    Alles Gute für Dich und liebe Grüße,
    Sgo

  • 24. Februar 2011 at 22:15
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    Hallo,

    bin gerade über diesen Blog gestolpert und wollte zumindest einen lieben Gruß hierlassen! Die Putzer waren mir immer die liebsten Fisch in unserem Aquarium! 🙂
    In Österreich gibt es so etwas wie AHB nicht, obwohl ich das schon sehr vernünftig finde.

    Alles Liebe weiterhin,
    dreams

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