Habe fertig!

Habe fertig!

Heute ist es eine Woche her, dass ich meine letzte Chemo hatte! Vor einem knappen halben Jahr habe ich mit der Therapie angefangen. Sechs Mal hat sich der Zyklus von stundenlangen Infusionen, anschließender schwerer Müdigkeit, Unwohlsein, kleinen Zipperlein und langsamer Erholung wiederholt. Jede Chemo war immer etwas zäher als die davor; ich brauchte jedes Mal etwas länger, um mich davon zu erholen. Und ich habe mich jedes Mal gefreut, wieder ein Stück auf meinem Weg geschafft zu haben.

Irgendwie zwanghaft

Ein halbes Jahr Chemo bedeutete für mich auch, unter einer Käseglocke zu leben: Sechs Monate lang immer alle, die mich besuchen wollen, fragen, ob sie denn auch gesund genug seien, um mich nicht versehentlich mit scheinbar harmlosen Erkältungskrankheiten anzustecken. über 20 Wochen lang habe ich öffentliche Verkehsmittel gemieden – zumindest in den Hauptverkehrszeiten. Wenn ich dann doch mal in der S-Bahn saß und mein Gegenüber in der Bahn gehustet hat, habe ich den Sitzplatz gewechselt. Wenn die Kassiererin am Supermarkt geniest hat, habe ich mich an einer anderen Kasse angestellt. Nach jedem “Außenkontakt” habe ich mir die Hände gewaschen. Ich fand, das hatte gelegentlich fast zwanghafte Züge, aber so habe ich die Chemo ohne Infektionen oder größere Probleme überstanden. Das Leben wird also wieder einfacher.

Was Chemo mit Joan Armatrading zu tun hat

Die Chemo hat mir leider auch das Joan Armatrading-Konzert im März in der Hamburger Fabrik vermasselt. Ich hatte schon das Ticket reserviert und wollte mit einer ganzen Frauenbande dorthin gehen. Dann fiel mir ein, dass die Idee wohl doch nicht so gut ist, sich als Chemopatientin ausgerechnet in diesem langen und kalten Winter in einen geschlossenen Raum mit etwa 1.500 potentiellen Virenschleudern zu begeben. Ich überlegte, ob ich es trotzdem riskieren könne und fragte meine Ärztin, ob ich mit so einem Mundschutz zum Konzert gehen könne, wie ich es schon bei anderen gesehen habe.

Die Idee schien sie irgendwie zu amüsieren. Sie sagte zwar nicht sowas wie “wenn Sie drauf stehen…”, sah aber so aus, als müsse sie sich diesen Satz verkneifen. Statt dessen erklärte sie mir, dass ein Mundschutz, wie man ihn im Baumarkt kaufen könne, nichts gegen Viren ausrichte. Das müsse schon so einer sein, der die eingeatmete Luft filtert, ähnlich einer Gasmaske. Damit sähe man dann alienmäßig aus und bequem sei das auch nicht. Ich solle also abwägen. Schweren Herzens sagte ich das Konzert also ab.

Drei Tage nach dem Ereignis bekam ich dann die neueste Joan Armatrading CD per Post zugeschickt – und zwar signiert! Meine lieben Freundinnen waren zwar ohne mich beim Konzert gewesen, hatten aber nach dem Auftritt das neueste Werk für mich erstanden und dann auch noch abgewartet, bis die Künstlerin am Merchandising-Stand autauchte und die CD signieren konnte. Große Freude und Rührung auf meiner Seite! Bei der CD handelt es sich übrigens um “This charming life” (wie passend!) und auf dem Cover guckt Joan, als wolle sie jeden verprügeln, der etwas anderes behauptet. Sehr lustig, wie ich finde.

Wirklich fertig?

Ich weiß noch nicht, wie viel die Chemo genau bewirkt hat. Ich weiß zwar, dass ich mich jetzt besser fühle als letztes Jahr und spüre, dass sich etwas verändert hat. Ich kann mich aber erst so richtig freuen, wenn die Ergebnisse der Nachuntersuchung vorliegen. Vorsichtshalber hat mich meine Ärztin schon mal gewarnt, dass eine Remission in meinem Fall nicht bedeuten würde, dass ich das Lymphom endgültig los sei. Mit der vorgeschlagenen Erhaltungstherapie könne es allerdings sein, dass ich viele Jahre symptomfrei leben könne.

Diese Aussicht finde ich bei einer unheilbaren Krankheit gar nicht so schlecht. In ungefähr zwei Wochen soll die Nachuntersuchung sein und dann weiß ich, ob ich sozusagen so richtig ‘loslassen’ kann. Jetzt, wo ich das schreibe, fällt mir auf, dass dieser Punkt mit dem ‘Loslassen’ noch weitere Gedanken wert ist. Dann allerdings in einem eigenen Beitrag.

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