Die Diagnose

Die Diagnose

Vorgeschichte

Im letzten Jahr – 2009 – fühlte ich mich oft nicht so wohl. Ich war abgeschlagen, alles war so anstrengend. Ständig hatte ich Erkältungen, Schnupfen, grippale Infekte. Von August durchgängig bis Dezember. Meine Arbeit ging mir nicht so gut von der Hand, jede Unterbrechung nervte bloß noch. Beim Schreiben am PC wurde mein rechter Arm zunehmend lahm, ich konnte ihn einfach nicht mehr über der Tastatur halten.

Arztbesuche brachten kein Ergebnis. Bei meiner Beule am rechten Ellenbogen auf der Innenseite stellte der Orthopäde bloß fest, dass alles frei beweglich und schmerzfrei sei, es handele sich also nicht um ein orthopädisches Problem. Ständig war ich erkältet, vergrippt, hatte dicke Mandeln. Mit mir war nicht viel los.

Schwellung entdeckt

Dann, Ende letzten Jahres, ging alles ganz schnell: Ich hatte eine Schwellung unter der rechten Achsel entdeckt und wurde zunächst auf Brustkrebs untersucht. Zum Glück war da nix, auch die Tumormarker im Blutbild waren im Keller. Auf mein Drängen wurde diese Schwellung dann aber noch, als ich noch bei der Mammographie war, mal mit einem Ultraschallgerät angeguckt. Zunächst hieß es “Ach was, kein Mensch ist genau seitengleich, das bilden Sie sich ein” und dann: “Ups.. da ist ja doch was, nämlich ein ganz deutlich vergrößerter Lymphknoten.” Stell Dir eine Katzenpfote vor. Ein dicker Klops, drum herum lauter kleine. So sah das Ultraschall-Bild aus:

Sofort danach, zwischen Weihnachten und Neujahr, war ich dann im Krankenhaus und mir wurde ein Lymphknoten aus der Achsel entfernt. Der Laborbefund lag dann erst im Januar 2010 vor. Der Befund wurde mir komplett unprofessionell überbracht.

Der Befund

“Sie tun mir ja so leid, Sie haben leider Krebs.” Diese Worte stammten von der Tochter meiner Gyn, die eigentlich gar nicht meine behandelnde Ärztin war, aber Muttern weilte offenbar noch im Urlaub. Na, besten Dank auch, eine große Hilfe. Ich bekam Tempotücher und ein Telefon in die Hand gedrückt sowie den Hinweis, dass es sich nicht um ihr Fachgebiet handele und sie mir dazu nichts weiter sagen könne. Sie erläuterte nur noch, dass es sich um ein follikuläres, niedrig malignes (streuendes) Non Hodgkin Lymphom handele, Stufe 1 oder 2. Damit ist die Ausbreitung gemeint. Eine Überweisung zum Onkologen sowie zu meiner Hausärztin, eine blanko Krankenhaus-einweisung und eine Krankschreibung bekam ich auch noch.

Man hätte mir den Schädel genauso gut gegen die Wand hauen können, das hätte sich vermutlich nicht anders angefühlt. Ich fühlte mich wie hinter einer dicken Nebelwand – ein Gefühl, das noch einige Tage andauern sollte. Ich habe Krebs. Lymphdrüsenkrebs. Ich. Damit hätte ich nie gerechnet. In meiner Familie gibt es kaum Krebserkrankungen, dafür eher so Herz/Kreislaufgeschichten. Meine Eltern starben an Herzinfarkt bzw. Schlaganfall und Herzinfarkt, da waren sie aber Mitte Siebzig. Ich war 48.

Ich hab erst mal meine Freundin angerufen, die sich sofort zu mir auf den Weg gemacht hat, und dann rief ich meine Hausärztin an. Zum Glück verfügt die Gyn-Praxis zwar über eine wenig erfahren Ärztin (seit Neuestem), aber über gestandene Mitarbeiterinnen. Die hatten den Befund schon an meine Hausärztin gefaxt. All dies an einem Freitag gegen 11 Uhr. Meine Hausärztin hat Freitags bis 12 Uhr Sprechstunde. Der “Vorzimmerdrachen” meiner Hausärztin meinte, ich könne zwar nicht mehr vorbeikommen, weil meine Ärztin sogleich weg müsse, sie würde ihr den Befund aber auf jeden Fall sofort vorlegen und sie würde mich dann noch anrufen. Versprochen. Ab da musste ich mich um gar nichts mehr selber kümmern, alle kamen auf mich zu.

Erste Schritte

Uff, meine Freundin kam dann und holte mich ab. Meine Hausärztin rief wie versprochen auch an und meinte, sie habe alles organisiert, ich wäre ab Montag in der Tagesklinik Altona angemeldet, der Befund läge dort vor und sie habe dort auch schon mit Kollegen gesprochen. Von dort würde mich am Nachmittag noch jemand anrufen und Details mitteilen. In einem weiteren Telefonat hat sie mir dann noch erläutert, dass diese Krebsart sehr gut zu behandeln sei und ich mit einer großen Heilungschance von über 80 % rechnen könne. Mit meiner Stufe von 1 oder 2 könne es sogar sein, dass ich um die Chemo herum käme, das würden die Kollegen in Altona, die in dieser Sache die besten in HH seien, nach der vollständigen Diagnose dann entscheiden. So, wie ich gestrickt sei, würde sie davon ausgehen, dass ich alles sehr gut packen werde.

Aus Altona rief tatsächlich bald jemand an und erklärte, dass man am Montag ab 9 Uhr auf mich warten würde. Zunächst müsse man mich “körperlich kennenlernen” (solche Formulierungen können sich auch nur Ärzte ausdenken), um dann die geeignete Behandlung mit mir zusammen festzulegen. Ich hätte dann einen festen Ansprechpartner für die gesamte Dauer der Behandlung. Nach dem Befund und meinem Lebensalter und wie mich meine Hausärztin geschildert hat, würde er davon ausgehen, dass ich sehr gute Chancen habe, der Krankheit gut zu begegnen. Ich solle den Kopf nicht in den Sand stecken, mich am Wochenende von dem Schrecken erholen und ab Montag ginge es dann schon los. Ich könne so viele Fragen stellen wie ich wolle, man würde mir ausführlich Rede und Antwort stehen.

Abklärung

So ungefähr war es dann auch. Nach dem ersten Abtasten meinte der Arzt, es wäre dann wohl doch eher Stadium 3 der Ausbreitung, Näheres würde das CT ergeben. Also ab in die Röhre, außerdem literweise Blut abzapfen lassen, bei der HNO vorbeigeschaut usw. Ein paar Tage später dann eine Knochenmark-Entnahme (klingt schlimmer als es ist). Alle waren rasend nett, überhaupt herrscht eine sehr entspannte Stimmung dort in der onkologischen Ambulanz. Ich habe mich dort sehr gut aufgehoben gefühlt. Mein Arzt dort ist ein unglaublich kompetenter Onkologe und zugänglicher Mensch.

Nachdem die Ergebnisse vorlagen, hat er mir die CT-Bilder gezeigt. Stell Dir einen bemoosten Wald vor. Bin reichlich zugewachsen, aber mit der Chemo bekäme man das gut wieder weg. Gegen mein Lymphom gibt es sogar Antikörper, d.h. man könne sehr gezielt dagegen vorgehen und tatsächlich sei sogar bei meinem – wie ich inzwischen weiß – Statium 4s die Krankheit gut zu behandeln. “4” bedeutet zwar “unheilbar”, das hieße aber nur, dass ich mich sehr engmaschig kontrollieren lassen müsse, damit man sich neu entwickelnde Ausbreitung schnell erkennen und bei Bedarf behandeln könne.

Streng medizinisch gesehen sei ein Lymphom auch gar kein Krebs. Krebs entstünde über die Schleimhäute und die Tumore würden Organe direkt befallen. Im Gegensatz dazu blieben Lymphome im Lymphsystem selbst und dieses wachse dann und nehme den anderen Organen quasi den Platz weg. Das sei das Gefährlich daran. Man kann also von innen her ersticken, es kann einem die Wirbelsäule zerbröseln usw. Das Lymphsystem ist ja über den gesamten Körper verteilt, bei mir sei  auch die Milz sehr stark vergrößert, bla bla bla (es folgten: unangenehme Details, medizinische Erläuterungen, beeindruckende Bilder). Ich würde all dies bereits Monate, wenn nicht Jahre mit mir herumschleppen und es sei ganz normal, dass man es erst sehr spät merkt, sofern man nicht z.B. einen dicken Hals-Lymphknoten entwickele, der einfach optisch sehr auffällig sei.

Und jetzt: Chemo

Um sich hier nicht in endlosen Details zu verlieren: Ich mache jetzt also Chemo in der Nähe meines Wohnortes, in einer Praxis in Reinbek. Sechs mal zwei aufeinanderfolgende Termine, dazwischen dann immer 4 Wochen Pause. Im Juni bin ich damit durch. Wenn dann alles gut gegangen ist, folgt noch eine Reha, vorzugsweise am Meer in St Peter Ording. Soweit der Plan.